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Didaktik vs. Mathetik

Didaktik vs. Mathetik

Ich bin in den letzten Tagen auf den schönen und beinah schon poetischen Begriff der Mathetik gestoßen. Beim Lesen der Definition, z.B. über das Stangl-Lexikon der Psychologie und Pädagogik fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das Wort der Mathetik beschreibt sehr viel davon, was wir bei der Gründung der Gesellschaft der Zukunftsdidaktik im Kopf hatten:

Mathetik ist ein schon von Comenius verwendeter didaktischer Begriff, bei dem nicht die Lehre und die dadurch bedingte Aufgliederung eines Stoffes, sondern das Lernen der Kinder im Vordergrund steht. Üblicher Weise wird in der Didaktik vom Lehren und Lernen gesprochen und damit der Auffassung Vorschub geleistet wird, dass das, was ordentlich gelehrt wird, auch schon gelernt ist. Mathetik wechselt paradigmatisch die Seiten und betrachtet reformpädagogisch Lehren und Lernen radikal von den Kindern, also den Lernenden aus und wendet sich kategorisch gegen alle fachdidaktischen Überlegungen. (Stangl, 2021).

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2021). Stichwort: ‘Mathetik – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/859/mathetik (2021-07-28)

Augenhöhe und Gleichberechtigung als Haltung

Kern der Mathetik ist ein demokratisches Grundverständnis und die Haltung “Augenhöhe”, die das hierachische Verhältnis zwischen SchülerInnen und LehrerInnen auflöst. Denn das Lernen vom Lernenden aus zu denken braucht genau das: “Was willst du lernen? Was willst du heraus finden?” und “Wie willst du lernen?” Das konstruktivistische Verständnis von Lernen steht hier im Vordergrund, welches z.B. beim problembasierten, projektorientierten Lernen möglich wird. Fest steht, dass bisher hauptsächlich reformpädagogische Schulen, die nach der Freinet-Pädagogik unterrichten oder demokratische (freie) Schulen in ihren Lehr-Lern-Konzepten mathetisch ausrichten. Ein Lehrplan existier dann (oft) nicht. Ebenso Lernzielkontrollen und Prüfungen.

Und genau dieses SchülerInnenzentrierte Lernen haben wir im Blick gehabt, als wir uns gründeten im Mai 2020 und den Namen Zukunftsdidaktik formten. Die Augenhöhe im Klassenzimmer und das (spielerische, wie auch digitale) Lernen in Gemeinschaft hatten wir dabei fest im Blick. Damit steht der Begriff der Zukunftsdidaktik vielleicht in der Mitte zwischen Didaktik und Mathetik, wenn man sich einen Schieberegler vorstellt.

Zukunftsdidaktik als Zwischenkonstrukt zwischen Didaktik und Mathetik?

Kritik aus der Schulpädagogik merkt an, dass sich im “normalen” Unterricht nach dem pädagogischen Dreieck lehrer- und lernerzentrierte Phasen abwechseln. Eine reine Lehrersteuerung (Didaktik) bildet also nicht die schulische Unterrichtsrealität ab.

Reine Lernendenzentrierung als Dilemmata

Unser heutiges nationales Bildungssystem steht vielleicht genau dazwischen, was auch mal zu Dilemmata führen kann. Denn ganz ohne Lehrpläne geht es (noch) nicht, wenn der Abschluss staatlich anerkannt sein soll. Ganz ohne Lernzielkontrollen zum Teil schon… bis zur Abschlussprüfung zumindest. Und wie sieht das Lernen der Zukunft aus? Während in der beruflichen (Weiter)bildung mehr und mehr Lernerzentrierung zu finden ist, die auch durch technische Lernsysteme und Plattformen abgebildet wird (LMS vs. LXP), kommt die schulische Bildung nur im Schneckentempo voran. Die fehlende Selbststeuerung durch den/die SchülerInnen wird dabei oft mit dem Alter (=fehlende Mündigkeit) begründet. Das das so nicht 1:1 stimmen kann, zeigt ein Blick auf Klein- und Kindergartenkinder, die nach ihrem inneren Antrieb und Vorbildern lernen und die Welt entdecken. Und Schülerinnen und Schüler, die in ihrer Freizeit in virtuellen und realen Welten spielen und “nebenbei” und unbewusst lernen.

Wie kann also die Zukunft des schulischen Lernens aussehen? Werden wir das Lernen den Lernenden zurück gegeben? Wird es irgendwann ganz “frei” und selbstgesteuert sein (können)? Wir werden es sehen und beobachten mit Spannung und Interesse all die Bildungsinitiativen, die im Zuge der CoVid-Krise aus einem Veränderungswillens heraus in den letzten Monaten überall entstanden sind.

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