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Gestaltung von Blended Learning und Hybridunterricht

Gestaltung von Blended Learning  und Hybridunterricht

Es ist in aller Munde: Der Name Hybrid-Unterricht geistert seit dem Frühjahr 2020 durchs Land und wurde damit als neue Unterrichtsform und Alternative zum Präsenzunterricht in Zeiten verkleinerter Klassen publik. Einige Bundesländer in Deutschland, wie Niedersachsen und Bayern haben hierzu sogar bereits eigene Konzepte veröffentlicht. Nordrhein-Westfalen hat erst gestern öffentlicht auf dem Präsenzunterricht als Allheilmittel beharrt.

Fakt ist: Politiker und Bildungverantwortliche haben erkannt, dass es Alternativen zum altbekannten Bild von Unterricht im Klassenzimmer gibt. Im Bereich der Hochschuldidaktik und beruflichen Weiterbildung ist bereits sei gut 15 Jahren das räumlich entzerrte Lernen unter dem Begriff Blended Learning (also vermischtes Lernen) bekannt. Es werden Phasen der Anwesenheit und Lernen im Seminar-/Workshopraum mit Phasen des Online Lernens gemischt. Jeweils so, wie es didaktisch Sinn macht und/oder die Teilnehmenden und Trainer/Dozent zeitlich verfügbar ist. Hierfür gibt es unterschiedliche Arrangements beider Bausteine, in der sich beide Phasen jeweils abwechseln:

Blended Learning Arrangements

Formate sind nur die Hülle – auf den Kern kommt es an

Bei der Gestaltung von hybriden oder Blended Learning Lernszenarien ist die Anordnung der Sequenzen in erster Linie nicht vom Format her zu denken. Stattdessen sollte das WAS und WOFÜR als Ausgangsfrage gestellt werden:

Was möchte ich mit dieser Lerneinheit erreichen? Was sind die Lernziele? Welche Kompetenzen sollen trainiert werden?

Erst danach kommt die Frage:

In welchem Format/Setting lässt sich das am besten abbilden bzw. durchführen?

Vorneweg sollte also immer die didaktische Planung und das Lerndesign der Lern-/Unterrichtseinheit stehen mit verschiedenen Phasen der Lerner-Aktivierung. Erst in zweiter Instanz sollte überlegt werden, welches Angebotsformat hierbei Sinn macht. Aus diesem Blickwinkel heraus sind folgende Szenarien möglich:

  • Online Lernen für selbstgesteuertes Lernens nutzen (zeit- und ortsunabhängig zu Nutze machen)
  • Online Lernen für Kollaboration und Kommunikation in der Gruppe nutzen (Möglichkeit der Zusammenarbeit über weite räumliche Distanz hinweg zu Nutze machen)
  • Präsenzzeit nutzen für Vermittlung/Unterweisung
  • Präsenzzeit nutzen für Interaktion in der Gruppe
  • Präsenzzeit nutzen für kollaboratives, haptisches Arbeiten in der Gruppe

An Hand dieser Liste kann man gut sehen, dass eigentlich beinah jedes Setting sowohl online als auch in Präsenz möglich ist. Vorraussetzung ist, dass entsprechende Tools (Software und Hardware) und Rahmenbedingungen gegeben sind. Gleichwohl hängt es vom Trainer/Lehrenden ab, welches Setting (digital oder offline) er für welche Arbeitsphase als geeignet ansieht. In Zeiten der Praktizierung des Wechselmodells an Schule, wechseln sich meistens Präsenztag und online Lernen versetzt in zwei Gruppen ab.

Instruktionsdesign oder Lerndesign – der Schlüssel zum erfolgreichen online Lernen

Die Gestaltung von online Lerneinheiten stellt besondere Anforderungen an das didaktische Design: Die Lehrenden haben weniger Möglichkeiten zur direkten Motivation der Lernenden als in der herkömmlichen Lehre. Deshalb muss die Motivation über die Lehrmaterialien und durch Gestaltung der Lernumgebung erzeugt werden. Didaktische Entscheidungen, die im klassischen Unterricht spontan getroffen werden können, müssen beim online Lernen bereits in der Planungsphase bis ins Detail berücksichtigt werden. Instruktionsdesign oder auch das Lerndesign gerät für Blended Learning oder hybride Lern-Arrangements in den Mittelpunkt.

Es gibt verschiedene Modelle zum Instruktionsdesign, die meistens auf dem Ansatz von Gagné aus den 70er Jahren aufbauen. Ein Modell speziell für hybride Lernarrangements ist das 3-2-1 Modell nach Michael Kerres (2002).

ElementDidaktisches ElementFunktion im Lernprozessmögliche methodische Varianten
3Lerninformation
Lernmaterial
Lernaufgabe
Orientierung
Anregung
Aktivierung
Vortrag, selbstgesteuertes Lernen
selbstgesteuertes Lernen, Präsentation
kooperatives Lernen
2Kommunikation
Kooperation
Unterstützungtutoriell betreutes Lernen,
sozial-kommunikatives Lernen
1TestMotivierung
Orientierung
Zertifizierung, Testung, Selbstkontrolle
3-2-1 Modell nach Kerres

Ein weiteres Beispiel aus den USA ist das 5 E Instructional Modell von Roger Bybee (2009), das auf dem Ansatz des forschenden Lernens beruht. Bybee integriert die 21st Century Skills (Zukunftskompetenzen) in sein Modell und definiert fünf Phasen der didaktischen Instruktion:

PhaseFunktion und Gestaltung
Engagement (Aktivierung)Der Lehrende oder eine Lehrplanaufgabe bewertet die Vorkenntnisse der Lernenden und hilft ihnen, sich durch kurze Aktivitäten auf ein neues Konzept einzulassen und die Neugier zu fördern. Die Aktivität soll Zusammenhänge zwischen vergangenen und gegenwärtigen Lernerfahrungen herstellen, Vorwissen aktivieren und das Denken der Schüler in Bezug auf die Lernziele und ihr gegenwärtiges Tun lenken.
Exploration (Entdecken)Die Schüler bekommen Forschungsaufträge, innerhalb dessen aktuelle Vorstellungen (dazu gehören auch Missverständnisse), Prozesse und Fähigkeiten identifiziert werden und Lernprozesse in Gang gebracht werden können. Die Lernenden können Labor-Situationen erleben, die ihnen helfen, Vorkenntnisse zu nutzen, um neue Ideen zu generieren, Fragen und Möglichkeiten zu erkunden sowie eine erstes Ausprobieren/Testen.
Explanation (Erklären)Die Erklärungsphase lenkt die Aufmerksamkeit der Schüler auf einen bestimmten Aspekt ihrer Forschungs- und Erkundungserfahrungen und bietet Möglichkeiten ihr konzeptionelles Verständnis, ihre Entdeckungen oder ihre Erkenntnisse zu demonstrieren.
Diese Phase bietet auch Lehrenden die Möglichkeit, ein Konzept, ein Prozess oder Sachverhalt vorzustellen. Die Lernenden erklären ihr Verständnis des Konzepts. Die Erklärungen des Lehrenden können sie zu einem tieferen Verständnis führen, welches ein kritischer Teil dieser Phase ist.
Elaboration (Anwenden)Die Lehrenden fordern das konzeptionelle Verständnis und die Fähigkeiten der Schüler heraus und erweitern diese. Durch neue Erfahrungen und mehr Informationen entwickeln die Schüler ein tieferes und breiteres Verständnis und erlangen neue Fähigkeiten. Schüler beweisen ihr Verständnis des Konzepts durch die Durchführung zusätzlicher Aktivitäten.
Evaluation (Überprüfen)Die Evaluation ermutigt die Schüler, ihr Verständnis und ihre Fähigkeiten zu bewerten. Diese Phase bietet Lehrenden die Möglichkeit, den Fortschritt der Schüler zur Erreichung der Lernziele einzuschätzen.
BSCS 5 E Intructional Model nach Roger Bybee

Didaktische Gestaltung von online Lernen

Auch wenn solche Modelle kompliziert erscheinen und erst beim Design einer hybriden Lerneinheit relevant werden, so finden sich dennoch eine Reihe an Hinweisen, welche Lerner-Aktivität in welche Phase Platz hat. Nach Roger Bybees Modell hat Catlin Tucker im März 2020 eine Tabelle entworfen, wie man diese 5 Instruktionsphasen nun in einer online Lernumgebung gestalten kann.

Der Link zur Ansicht und Möglichkeiten des Download findet sich HIER (klick).

Vorschau: 5E Modell zur Gestaltung von online Lernen

Zusammenfassung

Für die Gestaltung von Hybrid- oder Distanzunterricht bzw. im Kontext der Erwachsenenbildung Blended Learning oder reine online Lernarrangements ist das Lerndesign besonders wichtig. Eine 1:1 Abbildung von Präsenztraninings oder Unterricht im Klassenraum auf eine virtuelle Lernumgebung/Videokonferenz ist nicht zu empfehlen! In der Unterrichts-Vorbereitungsphase sollte also mit einem entsprechendem Modell, wie dem 5E-Modell die Lerneinheit vorbereitet und Möglichkeiten, z.B. der Kommunikation an Hand der Gegebenheiten ausgewählt werden. Ein sehr empfehlenswertes Beispiel für ein hybrides Lerndesign im Schulkontext ist das Flipped Classroom-Modell, welches wir bereits in Podcastfolge 2 vorstellten. Hier wechseln sich Phasen des online-Lernens bzw. Lernens daheim mit dem Präsenzunterricht in der Klasse ab. Die Online-Lernphase wird zum selbstgesteuerten Entdecken und Erklären genutzt. Ein zentrales Element bilden hierbei Erklärvideos. Im Klassenraum geht es ums Anwenden und Evaluation des erworbenen Wissens.

Schauen wir auf das 3-2-1-Modell nach Kerres dann lässt sich mit Flipped Classroom die Selbstlernphase zuhause nutzen um invididuelles, selbstgesteuertes Lernen zu ermöglichen (1). Im Klassenraum zurück wird gemeinsam in der Gruppe Wissen angewendet, vertieft und überprüft. Kommunikation und Kollaboration stehen also im Fokus der Präsenzzeit ((2) und (3)).

Neben Flipped Classroom gibt es eine weitere Reihe an Lehr-/Lern-Konzepten und Methoden, die in Hybrid- oder Distanzunterricht möglich sind, wie z.B.:

  • Projektlernen oder Lernwerkstatt (Lernen in Gruppen) sowohl mit Social Software und Kollaborationssoftware, als auch Zusammenarbeitsmethoden im Präsenzraum
  • Lernportfolio / Labbook digital oder analog als Format für eine Lerndokumentation
  • Lernen durch Lehren (LdL): Eine Teil der Lerner-Gruppe erarbeitet sich Wissen selbstständig (Online Lernen allein oder in der Gruppe) und erklärt danach den anderen wesentliche Konzepte zum Thema (virtuelle Gruppen-Konferenz oder in Präsenz). Die Zuhörenden stellen Rückfragen. Bei der nächsten Lerneinheit/Teilthema wird getauscht.
  • Freiarbeit / freie Stillarbeit: Diese Methode setzt auf ein hohes Maß an Eigenverantwortung und persönliche Freiheit und fördert damit das selbstgesteuerte Lernen. Diese Unterrichtsphase, die sonst im Klassenzimmer stattfindet, kann gut vorbereitet in die Phase “Online Lernen” integriert werden.

Weitere Methoden und Sozialformen für den Unterricht finden sich in der Methodenkartei der Uni Oldenburg: https://www.methodenkartei.uni-oldenburg.de/

Didaktische Empfehlungen zum Lerndesign von Hybridunterricht

  1. Arbeit mit Wochenplänen: Für den Wechselbetrieb (Hybridunterricht) oder auch Phasen des Distanzlernens (Quarantäne oder Schulschließung) sollte mit Wochenplänen gearbeitet werden. So bekommen SchülerInnen einen Überblick über Lernziele für diese Woche, zu erledigende Aufgaben und Phasen der Instruktion (z.B. in einer Video-Konferenz).
  2. Regelmäßige Kommunikation: Besondere Relevanz in Zeiten von räumlicher Distanz ist das Erzeugen von Nähe und Verbindung innerhalb der Klasse, aber auch zwischen Lehrenden und Lernenden. Hierfür sind regelmäßiger Austausch, z.B. in Video-Konferenzen möglich. Meine Empfehlung dazu lautet: Mindestens einmal zum Wochenauftakt und einmal zum Wochenende eine virtuelle Klassenstunde einrichten. Ein Messenger ermöglicht 1:1 Kommunikation und Feedback im Bedarfsfall. Bei jüngeren Kindern unbedingt auch die Eltern einbeziehen. Mit einfachen Tools ist auch das Einrichten von regelmäßigen virtuellen Sprechstunden möglich. Beziehung zueinander halten und vertiefen ist eine ganz wichtige Komponente für erfolgreiches Lernen!
  3. Selbstlernphasen gut vorbereiten: Soll sich der Schüler im Distanzunterricht bzw. der Lernphase daheim selbst Wissen aneignen, Gelerntes vertiefen oder überprüfen, dann muss hierfür eine Umgebung gut vorbereitet werden: Bücherseiten aufführen, Lern- bzw. Erklärvideos bereit stellen, Arbeits- oder Forschungsaufträge genau beschreiben und für Vertiefung auch digitale Quizzes, Spiele oder Tests verlinken oder auf der Lernplattform einbinden. Je strukturierter, vorbereiteter und klarer der Lernauftrag, desto einfacher kann das Lernziel erreicht werden.
  4. Soziales Lernen ermöglichen: Was im Klassenzimmer durch Hygienebestimmungen gerade außer Kraft gesetzt ist, nämlich das Partnerlernen oder die Arbeit in Kleingruppen, wird im digitalen Raum möglich. Deswegen sind Kommunikations- und Kollaborationstools wertvolle Instrumente für das online Lernen in der Gruppe. Messenger, Datei-Sharing, Zusammenarbeit an Dokumenten in der Cloud oder im Web, virtuelle Besprechungen. All dies sollte genutzt und beim Design des Lernarrangements den SchülerInnen ermöglicht werden. Denn Lernen ist ein sozialer Prozess.
  5. Spielmechanismen und Feedbackinstrumente: Vorteile von Online-Lernen sind eine schnelle Aktivierung der Lernden und eine höhere Motivation durch z.B. spielerische Elemente (Quizzes, Lern-Apps, Gruppen-Challenges), gleichzeitig bieten Online-Lernumgebungen durch eingebaute Feedbackinstrumente die Möglichkeit direkt Antwort zur eigenen Lösung zu bekommen, dabei Punkte zu sammeln oder ein nächstes Level zu erreichen. Lernen wird so direkt erleb- und begreifbar. Gleichzeitig wird der/die Lehrende aus der Rolle als Feedbackgeber befreit und rückt stattdessen in die Rolle des Kurators / Designers (Lernumgebung bereit stellen) und der des Lernbegleiters.

Weitere Literatur:

Kerres, Michael (2002): Online- und Präsenzelemente in hybriden Lernarrangements kombinieren. In A. Ho-henstein & K. Wilbers (Hg.), Handbuch E-Learning. Köln: Fachverlag Deutscher Wirtschaftsdienst. online abrufbar unter: https://learninglab.uni-due.de/sites/default/files/kombi-hybridenLA_0.pdf

Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW (2020): Handreichung zur lernförderlichen Verknüpfung von Präsenz- und Distanzunterricht: https://broschüren.nrw/fileadmin/Handreichung_zur_lernfoerderlichen_Verknuepfung/pdf/Handreichung-Distanzunterricht.pdf

Bybee, Roger (2015): The BSCS 5E Instructional Model: Creating Teachable Moments. National Science Teachers Association.

Tucker, Catlin (2020): Designing an online lesson with the 5 Es Instructional Model: Playlist auf Youtube: https://www.youtube.com/playlist?list=PLWRriELcsXQTkrcisYVWYVyp9rZSgIhpN

Drabe, Michael (2020): Hybrides Lernen – Blended Learning Blaupausen: https://schule-in-der-digitalen-welt.de/hybrides-lernen-blended-learning-blaupausen/

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